Sonntag, 23. Oktober 2011

Im Slum angekommen


Umzug
Ich sitze auf dem Küchentisch, der unter unserem Küchenfenster steht, und schaue hinaus. Unter mir, in alle Richtungen ausgedehnt, erstreckt sich das Slumgebiet. Es ist kurz nach 10:00 Uhr und die Sonne scheint vom dunstigen Himmel. Es verspricht ein warmer Frühlingstag zu werden. Noch liegt eine breite Stille über den Wellbechdächern, Holzverschlägen und Backsteinhütten. Nur ein paar Hunde kläffen und aus unserem Haus ist brasilianische Popmusik zu hören.
Das also ist unsere neue Heimat. Wir bewohnen nun seit Freitag eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad, in einem Hinterhaus, direkt neben dem Armenviertel, in welchem wir arbeiten. Das Leben hier verläuft ganz anders, als in dem besser situierten Wohnviertel von Eichwalds. Hier ist es vormittags einigermaßen ruhig, man kann sogar Vögel singen hören!! Das eigentliche Leben beginnt am Nachmittag und Abend. Selbst die kleinen Kinder bleiben bis spät in die Nacht auf – es bringt sie auch niemand zu Bett – sie schlafen, wenn sie müde sind. Laute Musik, kläffende Hunde, Motorradlärm etc., all das bestimmt die Nächte. Es ist eben alles ganz anders! Und dennoch: wir sind gerne hier, genießen unsere eigene, sehr spartanisch eingerichtete, Wohnung und eben genau diese Andersartigkeit, die uns seitens des  brasilianischen Lebens entgegenschlägt.

Erste Begegnungen
Inzwischen sind wir in die ersten Kinderprogramme eingetaucht, haben die Arbeit von Casa Esperanca etwas genauer kennen gelernt und sind bereits einigen Kindern begegnet. Selbst in der Favela gibt es gewaltige Unterschiede zwischen den Armen. Arm ist eben doch nicht gleich arm. Einige Kinder sind gut erzogen und haben hübsche Kleidung an. Andere hingegen sind so schlimm verwahrlost, dass jedes Jugendamt in Deutschland einschreiten würde.


Unsere erste richtige Begegnung mit Gabriele hatten wir während eines der wöchentlichen Kinderprogramme. Sie war zum Kinderprogramm gekommen und hatte darum gebeten draußen, im Vorhof von Casa Esperanca, ihr Bild ausmalen zu dürfen.  Auf die Frage, warum sie das wolle, erzählte sie, dass sie stinken würde, weil sie letzte Nacht ins Bett gemacht hatte und ihre Mutter  ihr am Morgen keine sauberen Klamotten gegeben hatte. Sie war also mit den Anziehsachen der vergangenen Nacht zum Programm gekommen. Auch am Nachmittag noch lief sie mit den gleichen Klamotten herum. Als wir sie am nächsten Tag wiedertrafen, hatte sie immer noch das Selbe an und so schickte die brasilianische Leiterin sie noch vor der biblischen Einheit nach Hause zum Duschen. 20 Minuten später stand sie wieder in der Tür – ungewaschen und immer noch in den schmutzigen Sachen. Sie erzählte, dass sie zu ihrer Tante, die ebenfalls in dem Haus der Familie wohnte, gegangen war, weil die Dusche in ihrem Wohnbereich war. Die Tante jedoch hatte sie geschlagen und weggeschickt, weil Gabriele sie aufgeweckt hatte, als sie duschen wollte.
Das Einzige, was wir, Robbe und ich, momentan für sie und ihre neun Geschwister tun können, ist ihnen zu zeigen, dass sie wertvoll und geliebt sind, ganz egal, ob sie stinken oder nicht.
Herzlich grüßen euch, Robbe und Miriam

Keine Kommentare: